Stell dir folgendes Szenario vor: Es ist Freitagabend. Du starrst auf dein Smartphone. Du hast vor vier Stunden eine Nachricht an dein letztes Date geschickt – eine harmlose, lustige Bemerkung. Die blauen Häkchen bei WhatsApp leuchten dir gnadenlos entgegen, aber es kommt keine Antwort. Während eine Person in dieser Situation entspannt den Fernseher einschaltet und den Abend genießt, spürt eine andere Person, wie der Puls rast, der Magen sich zusammenzieht und das Gedankenkarussell startet: War ich zu aufdringlich? Habe ich etwas Falsches gesagt? Meldet er oder sie sich nie wieder?
Kennst du das? Du lernst jemanden kennen, am Anfang ist alles magisch, die Chemie stimmt perfekt – und plötzlich zieht sich der andere ohne Vorwarnung zurück. Oder vielleicht erlebst du es genau andersherum: Ein eigentlich toller, verlässlicher Mensch zeigt ernsthaftes Interesse an dir, und du spürst auf einmal nur noch den instinktiven Drang, wegzulaufen, weil dir die plötzliche Nähe die Luft zum Atmen nimmt. Du hast das Gefühl, immer wieder in die gleiche toxische Falle zu tappen, nur mit unterschiedlichen Gesichtern.
Die harte, aber auch unglaublich befreiende Wahrheit ist: Dein Dating-Verhalten ist kein Zufall. Es ist weder Pech, noch böses Karma oder das Schicksal, wenn du immer wieder an emotional nicht verfügbare Partner gerätst oder selbst unbewusst die Handbremse ziehst, wenn es ernst wird. Der Schlüssel zu diesem Rätsel liegt in deinem Bindungsstil. Wer seinen eigenen Bindungstyp versteht, durchbricht alte Muster und kann das Daten endlich aktiv und bewusst steuern, statt nur vom eigenen Nervensystem fremdgesteuert zu reagieren. Die zentralen Erkenntnisse dieser psychologischen Dynamik haben wir als Dating-Tipps für dich zusammengefasst:
Das Wichtigste in Kürze
Dein Bindungsstil ist wie ein unsichtbares Skript, das tief in deinem Gehirn verankert ist und darüber entscheidet, wen du anziehend findest und wie du mit Nähe umgehst.
- Die unsichtbare Matrix: Dein Bindungsstil entscheidet unbewusst darüber, wen du attraktiv findest und wie du mit Nähe und Distanz beim Dating umgehst. Er wirkt wie ein Filter für all deine romantischen Erfahrungen.
- Vier Typen der Liebe: Psychologen unterscheiden zwischen sicheren, ängstlichen, vermeidenden und desorganisierten Bindungstypen – jeder agiert beim Flirten und Daten völlig unterschiedlich.
- Die Toxische Falle: Ängstliche und vermeidende Singles ziehen sich beim Dating fast magisch an – ein schmerzhafter Teufelskreis aus Klammern und Wegstoßen ist die Folge, der fälschlicherweise oft für große Leidenschaft gehalten wird.
- Gute Nachricht: Dein Bindungstyp ist kein lebenslanges Urteil. Durch Selbstreflexion und das Regulieren des eigenen Nervensystems kannst du eine „erarbeitete Sicherheit“ (Earned Secure) erreichen und endlich gesunde Beziehungen führen.
Damit du dich in der komplexen Welt der Bindungspsychologie besser zurechtfindest, kannst du über die folgende Navigation direkt zu den für dich wichtigsten Aspekten springen:
Der unsichtbare Beziehungs-Code: Was Bindungsstile beim Dating bedeuten
Wir alle tragen eine innere Software in uns, die bestimmt, wie wir Liebe, Aufmerksamkeit und Intimität wahrnehmen. Wenn du beim Flirten und Daten oft frustriert bist, liegt das in den seltensten Fällen an der falschen Dating-App in deiner Stadt, deinem Aussehen oder mangelndem Selbstbewusstsein. Es liegt an deinem unbewussten Bindungsmuster, das im Hintergrund die Fäden zieht.
Dieses Muster entscheidet darüber, ob du eine ausbleibende WhatsApp-Nachricht als unbedeutende Verzögerung hinnimmst oder ob in deinem Gehirn sofort das Stresshormon Cortisol ausgeschüttet wird und du in Panik verfällst[1]. Es steuert, ob du emotionale Intimität beim dritten Date als wunderschön oder als hochgradig bedrohlich empfindest. Doch woher kommt diese tief verankerte Programmierung, die uns beim Swipen und Daten so sehr im Griff hat? Um das zu verstehen, müssen wir einen kurzen Blick auf die neurobiologischen und psychologischen Grundlagen werfen.
Das Spannende – und oft immens Frustrierende – an diesen Typen ist, dass sie sich auf dem Dating-Markt völlig unterschiedlich verhalten und verteilen. Wenn du manchmal das Gefühl hast, dass es da draußen auf Tinder, Bumble oder Hinge nur noch Beziehungsphobiker oder emotional völlig zerrüttete Menschen gibt, liegst du statistisch gesehen gar nicht so falsch. Ein genauerer Blick auf die Verteilung der Bindungsstile in der Bevölkerung zeigt schnell, warum die Partnersuche manchmal an einen Spießrutenlauf erinnert:
(Etwa 10 bis 15 % entfallen auf den desorganisierten Bindungsstil, der eine Mischform darstellt.)
Die 4 Bindungstypen: Wer bist du auf dem Dating-Markt?
Um den Wahnsinn beim Daten zu stoppen, brauchst du einen radikal ehrlichen Blick in den Spiegel. Das Erkennen des eigenen Bindungsstils ist wie das Einschalten des Lichts in einem bis dahin dunklen Raum – plötzlich machen all die gescheiterten Kennenlernphasen und toxischen Kurzzeitbeziehungen der Vergangenheit einen Sinn.
Bist du der sichere Hafen oder eher der unruhige Ozean, der beim kleinsten Windstoß über die Ufer tritt? Mach unseren kurzen Check und finde heraus, welches Muster deine Partnersuche heimlich sabotiert. Sei dabei ehrlich zu dir selbst, auch wenn es ein wenig wehtut.
Checkliste – Welcher Dating-Typ dominiert in dir?
Wähle die Aussage, die am ehesten auf dein typisches Verhalten in der Kennenlernphase zutrifft.
Manchmal ist die Selbsterkenntnis ein wenig schmerzhaft, aber sie ist absolut notwendig, um nicht immer wieder gegen die gleiche unsichtbare Wand zu laufen. Gehen wir nun ins Detail und schauen uns die vier Dating-Persönlichkeiten genauer an – und vor allem, wie sie sich konkret verhalten, wenn es beim Daten ernst wird.
Der sichere Typ (Der Ruhepol)
Dieser Typ ist der absolute Jackpot auf dem Dating-Markt – und paradoxerweise genau deshalb so selten auf den gängigen Apps zu finden, da sichere Typen meist schnell in langen, glücklichen Beziehungen landen. Sichere Menschen gehen entspannt und mit einer gesunden Grundzuversicht an das Daten heran. Sie spielen keine toxischen Machtspielchen („Wer meldet sich zuerst?“), kommunizieren ihre Absichten klar und haben keine Angst davor, ihre wahren Gefühle zu zeigen.
Typisches Verhalten: Wenn ein geplantes Date kurzfristig abgesagt wird, wünscht der sichere Typ gute Besserung und schlägt einen Ausweichtermin vor. Er oder sie nimmt die Absage nicht als persönlichen Angriff auf den eigenen Selbstwert. Sichere Menschen erkennen Red Flags schnell und beenden Kennenlernphasen konsequent, wenn sie merken, dass der andere emotionale Spielchen spielt.
Der ängstliche Typ (Der Über-Analysierer)
Für den ängstlichen (manchmal auch „ambivalent“ genannten) Typen ist Dating purer Stress für das Nervensystem. Jedes Wort im Chat, jedes gewählte Emoji, jede noch so kleine Atempause des Gegenübers und jede Änderung der Stimmlage bei Sprachnachrichten wird akribisch seziert. Sie interpretieren in eine verspätete Antwort sofort ein „Er/Sie mag mich nicht mehr“ hinein. Ihre tiefste Urangst ist es, verlassen zu werden und nicht gut genug zu sein.
Typisches Verhalten: Um diese Verlustangst zu betäuben, neigen ängstliche Typen dazu, schon nach wenigen Dates extrem zu klammern. Sie versuchen, das Gegenüber mit extremer Aufmerksamkeit (teilweise bis hin zum „Love Bombing“) zu überschütten, um sich der Zuneigung zu versichern. Sie stellen ihre eigenen Bedürfnisse komplett zurück, nur um dem Date zu gefallen – und leiden stumm, wenn nicht die gleiche Intensität zurückkommt.
Der vermeidende Typ (Der Freiheitskämpfer)
Der vermeidende Typ verwechselt echte emotionale Unabhängigkeit oft mit schlichter emotionaler Distanz. Zu Beginn des Kennenlernens können diese Menschen extrem charmant, witzig und einnehmend sein, doch sobald das Wort „Beziehung“ auch nur ansatzweise im Raum steht, schlagen ihre internen Alarmglocken ohrenbetäubend laut. Sie empfinden echte Intimität als massiven Verlust ihrer Autonomie und Freiheit.
Typisches Verhalten: Vermeider nutzen eine Taktik, die in der Psychologie „Deaktivierungsstrategie“ genannt wird[4]. Sobald ihnen jemand emotional zu nah kommt, erfinden sie plötzlich völlig irrationale Gründe, warum es nicht passt. Auf einmal stört sie, wie das Date kaut, lacht oder sich kleidet (das sogenannte Phänomen des plötzlichen „Icks“). Sie suchen krampfhaft nach Fehlern am potenziellen Partner, um eine innere Rechtfertigung für ihren eigenen, eigentlich angstgetriebenen Rückzug zu haben. Oft trauern sie stattdessen einem völlig unerreichbaren „Phantom-Ex“ hinterher, was sie davor schützt, sich auf eine reale, greifbare Person einlassen zu müssen.
Der desorganisierte Typ (Das Chaos der Gefühle)
Dieser (bei etwa 10 bis 15 % der Bevölkerung vorkommende), aber für alle Beteiligten sehr schmerzhafte Bindungsstil vereint die schlimmsten Seiten des ängstlichen und des vermeidenden Typs. Dieses Muster entsteht oft durch ungelöste Traumata in der Vergangenheit. Menschen mit diesem Muster sehnen sich abgöttisch nach Nähe, Geborgenheit und Sicherheit, haben aber gleichzeitig Todesangst davor, verletzlich zu sein.
Typisches Verhalten: Es ist ein ständiger innerer Krieg nach dem „Komm her – Geh weg“-Prinzip. Sie schieben Partner brutal weg, wenn es intim wird, nur um im nächsten Moment in absolute Panik zu verfallen, dass der Partner nun wirklich für immer geht. Daraufhin versuchen sie verzweifelt, die Person zurückzugewinnen. Für Dates fühlt sich der Kontakt mit einem desorganisierten Typen an wie eine Fahrt im Schleudergang einer Waschmaschine.
Toxische Magnetwirkung: Die Ängstlich-Vermeidende Falle beim Daten
Jetzt wird es psychologisch hochbrisant. Wenn du dich jemals gefragt hast, warum du ausgerechnet immer genau die Menschen anziehst, die dir nicht guttun, und warum die netten, verlässlichen Kandidaten oft „kein Prickeln“ in dir auslösen, dann pass jetzt genau auf. Es gibt eine Dynamik, die in der modernen Dating-Welt präsenter ist als jede andere – und sie fühlt sich anfangs ironischerweise fast immer wie die ganz große Liebe aus einem Hollywood-Film an.
Es ist die klassische Kombination aus dem ängstlichen Sucher und dem vermeidenden Flüchter. Warum ziehen sich diese beiden Extreme so magisch an, obwohl sie einander so sehr verletzen und völlig gegensätzliche Bedürfnisse haben? Weil sie exakt die alten Wunden des jeweils anderen triggern und das Gehirn diesen vertrauten emotionalen Stress mit „Leidenschaft“ und „Seelenverwandtschaft“ verwechselt[6][7].
Achtung: Die Ängstlich-Vermeidende Dating-Falle!
Vorsicht vor der größten Illusion beim Dating! Wenn ein ängstlicher Single auf einen vermeidenden trifft, entsteht oft ein gewaltiges Feuerwerk. Der Ängstliche bewundert anfangs die (scheinbare) Stärke und Unabhängigkeit des Vermeidenden. Der Vermeidende wiederum genießt die absolute Bewunderung und Aufmerksamkeit, die der Ängstliche ihm schenkt. Doch schon nach wenigen Wochen beginnt ein zermürbender, toxischer Kreislauf: Der Ängstliche spürt unbewusst Distanz und fängt an zu klammern; der Vermeidende fühlt sich eingeengt und flüchtet. Diese ständige Aktivierung deines Nervensystems – dieses Bangen und Hoffen – fühlt sich an wie „wahre Leidenschaft“, ist aber in Wahrheit purer emotionaler Stress und Panik[5][8].
Dieser Teufelskreis ist so schwer zu durchbrechen, weil der Ängstliche die krümelhaften Aufmerksamkeiten, die der Vermeidende nach einer Phase der Distanz wieder hinwirft, als gigantischen Liebesbeweis feiert. Man wird buchstäblich süchtig nach den kleinen emotionalen Höhen, die auf tiefe Täler der Zurückweisung folgen.
Modernes Dating: Warum Ghosting und Benching Typensache sind
Die Art und Weise, wie wir heute über Apps Daten, ist wie ein Brandbeschleuniger für unsichere Bindungsstile. Phänomene wie Ghosting (plötzlicher, wortloser Kontaktabbruch) oder Benching (jemanden auf die lange Bank schieben und warmhalten) sind keine Erfindungen der Technologie, sondern schlichtweg digitale Ausprägungen von Vermeidungsstrategien und Verlustängsten.
Ein vermeidender Bindungstyp nutzt Apps für Online-Dating oft als perfekten Schutzschild. Die unendliche Auswahl suggeriert, dass immer noch jemand „Besseres“ kommen könnte. Das bewahrt davor, sich auf den Menschen festzulegen, der gerade real vor einem sitzt. Wenn es beim Schreiben oder nach dem zweiten Date zu nah wird, ist Ghosting für den Vermeidenden die einfachste Lösung. Es erspart ihm die Konfrontation mit den Emotionen des anderen – ein klassischer Fluchtreflex.
Der ängstliche Typ hingegen leidet auf Apps massiv, kann sie aber oft nicht löschen. Er duldet Phänomene wie Breadcrumbing (das Hinwerfen kleinster digitaler Brotkrumen in Form von seltenen Likes oder knappen Nachrichten), weil die bloße Illusion einer Verbindung besser erscheint als das absolute Alleinsein. Ängstliche Typen neigen zudem dazu, ihre Dates schon vor dem ersten Treffen massiv zu romantisieren und eine komplette gemeinsame Zukunft zu projizieren – fällt diese Traumblase, ist der Schmerz gewaltig.
Date-Analyse: So erkennst du den Bindungsstil deines Gegenübers
Die gute Nachricht ist: Du musst nicht acht Semester Psychologie studiert haben, um toxische Muster frühzeitig zu entlarven und dich vor der nächsten Enttäuschung zu schützen. Gott sei Dank senden uns unsere Dates (vor allem beim anfänglichen Schreiben über WhatsApp und während der allerersten Treffen) sehr eindeutige Signale. Wir müssen sie nur lesen wollen und dürfen sie nicht durch die berühmte rosarote Brille der Verliebtheit ignorieren.
Es geht darum, den fundamentalen Unterschied zwischen einem wirklich sicheren Menschen und jemandem zu erkennen, der dich bald unweigerlich auf eine emotionale Achterbahnfahrt schicken wird. Lass uns einen genauen Blick auf die wichtigsten Warnsignale (Red Flags) und positiven Zeichen (Green Flags) werfen, die dir verraten, mit wem du es wirklich zu tun hast.
Red Flags (Unsicheres Muster)
- Hot & Cold Verhalten: Überschüttet dich in der ersten Woche mit Liebe, Komplimenten und Zukunftsplanungen (Love Bombing), ignoriert dann plötzlich tagelang deine Nachrichten.
- Ex-Fokus: Spricht schon beim ersten Date extrem verbittert, abwertend oder im Gegenteil extrem idealisierend über Verflossene.
- Schattenboxen & Der plötzliche „Ick“: Erfindet plötzlich irrelevante Fehler an dir (z.B. dein Musikgeschmack oder deine Art zu lachen), sobald ihr euch nach einigen Dates wirklich emotional näher kommt.
- Verschwimmende Grenzen: Akzeptiert ein „Nein“ nicht. Wenn du sagst, du hast heute keine Zeit, reagiert die Person beleidigt, passiv-aggressiv oder gibt dir ein schlechtes Gewissen.
Green Flags (Sicheres Muster)
- Konsistenz im Handeln: Schreibt und handelt berechenbar. Worte und Taten stimmen überein. Es gibt keine unerklärlichen emotionalen Achterbahnfahrten oder tagelanges Schweigen.
- Konfliktfähigkeit: Spricht kleine Missverständnisse (z.B. ein falsch verstandener Witz im Chat) ruhig an, ohne direkt den Kontakt abzubrechen oder das Kennenlernen in Frage zu stellen.
- Grenzen respektieren: Akzeptiert ein klares „Nein“ (z.B. bei der Date-Planung oder beim Tempo des Kennenlernens) völlig entspannt, mit Verständnis und ohne Ego-Verletzung.
- Echte Verletzlichkeit: Traut sich, auch Schwächen oder peinliche Momente zu teilen, ohne dabei in eine Opferrolle zu verfallen.
„Earned Secure“: Wie du deine innere Software auf gesunde Liebe updatest
Wenn du dich bei der Lektüre dieses Artikels in den unsicheren Bindungstypen (ängstlich, vermeidend oder desorganisiert) wiedergefunden hast: Atme erst einmal tief durch. Du bist nicht kaputt, du bist nicht „beziehungsunfähig“ und du bist ganz sicher nicht dazu verdammt, für immer allein zu bleiben. Dein Bindungsstil ist zwar tief in dir verwurzelt und durch frühe Erfahrungen geprägt, aber er ist nicht in Stein gemeißelt.
In der Erwachsenenbindungsforschung gibt es dafür den Begriff „Earned Secure“ – die erarbeitete Sicherheit[9]. Das bedeutet, dass du durch neue positive Beziehungserfahrungen, das Reflektieren deiner Reaktionen und oft auch therapeutische Prozesse genau die emotionale Sicherheit nachträglich entwickeln kannst, die dir in der Vergangenheit vielleicht gefehlt hat. Es ist kein einfaches „Erlernen“, sondern ein intensiver Veränderungsprozess. Wie das konkret im Dating-Alltag und vor allem im Umgang mit deinem eigenen Nervensystem aussieht, zeigt dir unser praktischer Liebes-Ratgeber für den Weg zu gesünderen Beziehungen:
Somatic Experiencing: Trigger im Körper erkennen
Dein Körper reagiert oft, bevor dein Kopf es merkt. Schreibe auf, in welchen Dating-Momenten du überreagierst (z.B. „Er liest meine WhatsApp, antwortet nicht, und mein Herz rast“). Lerne den Moment zwischen Reiz und Reaktion zu dehnen. Erkenne bewusst: „Diese Panik in meiner Brust ist ein altes Überlebensmuster aus der Vergangenheit, keine echte Bedrohung im Hier und Jetzt.“ Leg das Handy weg, atme tief durch und reguliere dein Nervensystem, bevor du handelst.
Den toxischen „Langeweile-Filter“ justieren
Das ist der härteste Schritt: Zwinge dich dazu, sicheren Dates (die konsistent, nett und verlässlich sind) eine zweite oder dritte Chance zu geben, auch wenn es anfangs nicht wild funkt. Dein Gehirn bewertet emotionale Stabilität anfangs oft fälschlicherweise als „fehlende Chemie“ oder „Langeweile“, weil das gewohnte Drama, der Stress und der Schmerz fehlen. Echte Liebe wächst oft aus Ruhe, nicht aus Panik.
Bedürfnisse klar und gewaltfrei kommunizieren
Übe es, deine Wünsche auszusprechen, ohne sie als passiv-aggressive Vorwürfe zu tarnen. Statt den anderen anzugreifen („Nie meldest du dich, du hast eh kein Interesse!“), formuliere Ich-Botschaften: „Mir gibt es ein total schönes, sicheres Gefühl, wenn wir auch zwischen den Dates am Wochenende kurz voneinander hören.“ Ein sicherer Partner wird darauf positiv reagieren; ein vermeidender wird sofort dichtmachen – und dann weißt du, woran du bist.
Radikale Grenzen ziehen (Selbstschutz)
Beende Kennenlernphasen zügig und konsequent, wenn das Gegenüber wiederholt heiß und kalt agiert. Du bist nicht das Rehazentrum für emotional Unverfügbare. Es ist nicht deine Aufgabe, jemanden durch Liebe „heilen“ zu wollen, der sich dir gegenüber respektlos verhält. Schütze deine emotionale Energie wie deinen wertvollsten Besitz.
Häufige Fragen zu Bindungsstilen im Dating
Die Arbeit an der eigenen Bindung und das Entschlüsseln der Signale anderer ist ein intensiver, manchmal auch erschöpfender Prozess. Es tauchen oft Zweifel und sehr spezifische Fragen auf, wenn man beginnt, seine eigenen tief verankerten Dating-Muster zu hinterfragen. Wir haben die brennendsten Fragen aus unserer Community gesammelt und beantwortet.
Kann man seinen Bindungsstil als Erwachsener wirklich noch ändern?
Ja, absolut. Durch gezielte Selbstreflexion, das Verstehen der eigenen Trigger und teils therapeutische Begleitung kannst du eine sogenannte „erarbeitete sichere Bindung“ (Earned Secure Attachment) entwickeln. Unser Gehirn besitzt Neuroplastizität – es kann ein Leben lang neue, gesunde Verbindungen knüpfen. Es erfordert allerdings viel Übung, Geduld mit dir selbst und extrem bewusste Entscheidungen bei der Partnerwahl. Es passiert nicht über Nacht, aber es ist möglich.
Können zwei vermeidende Typen eine glückliche Beziehung führen?
Sehr selten. Treffen zwei stark vermeidende Typen aufeinander, fehlt meist der emotionale Klebstoff, der die Beziehung in schwierigen Zeiten zusammenhält. Da beide die echte, tiefe emotionale Verletzlichkeit scheuen und bei Problemen eher auf Rückzug schalten, bleibt die Bindung oft extrem oberflächlich. Häufig bricht diese Art der Konstellation beim ersten Anflug von nötiger Intimität oder echten Lebenskrisen lautlos auseinander.
Wie kommuniziere ich meinen ängstlichen Bindungsstil am besten beim Dating?
Warte damit nicht bis zur großen Krise, sondern kommuniziere es proaktiv, wenn ihr euch bereits etwas vertraut seid (ca. beim dritten oder vierten Date). Du musst keine psychologischen Fachbegriffe nutzen. Sag einfach ehrlich: „Ich brauche manchmal etwas mehr Bestätigung am Anfang, um mich sicher zu fühlen, weil ich in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht habe. Verlässlichkeit ist mir extrem wichtig.“ Ein sicherer Partner wird das schätzen und darauf Rücksicht nehmen.
Wie date ich am besten als ängstlicher Typ, um nicht verletzt zu werden?
Dein allererstes Ziel beim Dating muss die Suche nach Konsistenz und Verlässlichkeit sein. Lerne, das stressige Prickeln der Ungewissheit bei Bad Boys/Girls nicht länger mit echter Liebe zu verwechseln. Wenn dir jemand klare Antworten gibt, pünktlich ist und verlässlich schreibt, halte daran fest – auch wenn es sich für dein auf Drama trainiertes Nervensystem im allerersten Moment ungewohnt, unattraktiv oder gar „langweilig“ anfühlt. Gib der Ruhe eine Chance.
Studien & Quellen
- [Naomi I. Eisenberger & Matthew D. Lieberman, 2004]: „Why rejection hurts: a common neural alarm system for physical and social pain“ (Allgemeine Grundlagenstudie zur Aktivierung von Stress durch soziale Zurückweisung)
- [Bowlby, J. / Hazan, C. & Shaver, P. / Fraley, R. C. / Mikulincer, M. & Shaver, P. R., 1987–2007]: „A Secure Base / Romantic love conceptualized as an attachment process / Attachment in Adulthood“
- [Cindy Hazan & Phillip Shaver, 1987]: „Romantic love conceptualized as an attachment process“
- [Mario Mikulincer, Phillip R. Shaver et al., 2003–2015]: „Bindungstheorie: Deactivating strategies in avoidant attachment / Attachment in adulthood“ (Thematisch verwandte Fachliteratur zu Vermeidungsstrategien)
- [Feeney, J. A. & Noller, P., 1996]: „Adult attachment and marital satisfaction“ (Grundlagenstudie zu Konfliktmustern bei unterschiedlichen Bindungstypen)
- [Dutton, D. G. & Aron, A., 1974]: „Some evidence for heightened sexual attraction under conditions of high anxiety“ (Grundlagenstudie zur Fehlattribution von Erregung)
- [Cantor, J. R., Zillmann, D. & Bryant, J., 1975 / Zillmann, D., 1978]: „Enhancement of Humor and Attraction by Arousal-Inducing Stress / Attribution and misattribution of excitatory reactions“ (Ergänzende Grundlagen zur Fehlattribution)
- [Levine, A. & Heller, R. S., 2010]: „Attached: The New Science of Adult Attachment and How It Can Help You Find—and Keep—Love“
- [Mary Main & Ruth A. Goldwyn, 1998]: „Adult Attachment Interview (AAI) und ‚earned secure‘ Status“