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Schlechter Kuss: Fehlt die Chemie oder nur die Technik?

    Stell dir folgendes Szenario vor: Das Date war geradezu magisch. Ihr habt euch bei Kerzenschein stundenlang tiefgründig unterhalten, konntet die gleichen schrägen Insider-Witze teilen und die Blicke, die ihr euch zugeworfen habt, waren elektrisierend. Wir alle kennen diese innere Checkliste, die wir unbewusst abhaken: Humor? Check. Intellektuelle Verbindung? Check. Ähnliche Lebensziele? Doppel-Check. Es fühlt sich an wie der absolute Jackpot, nach dem du so lange gesucht hast.

    Und dann ist es so weit. Ihr steht an der Haustür, die dimmte Straßenlaterne taucht alles in ein romantisches Licht. Die Gesichter kommen sich näher, der erste Kuss passiert – und plötzlich spürst du… nichts. Oder noch schlimmer: Es fühlt sich seltsam, unbeholfen, nass oder einfach völlig falsch an. Eure Zähne stoßen aneinander, die Zungen finden keinen gemeinsamen Rhythmus. Die romantische Blase platzt mit einem lauten, unsichtbaren Knall.

    Dieses Gefühl der inneren Zerrissenheit danach ist brutal. Dein Verstand schreit „Ja!“, aber dein Körper funkt ein eisiges „Nein“. Du stehst nun vor der quälenden Frage: Soll ich diesen wunderbaren Menschen abservieren, nur weil die körperliche Chemie (noch) nicht stimmt? Oder lässt sich sexuelle Anziehungskraft und Intimität bei einem erwachsenen Menschen tatsächlich anlernen? Bevor du voreilige Schlüsse ziehst, das Handtuch wirfst und vielleicht deinen Traumpartner endgültig gehen lässt, werfen wir einen nüchternen, psychologischen Blick auf die Fakten.

    Das Wichtigste in Kürze

    Wenn es beim ersten Körperkontakt nicht funkt, ist das noch lange kein Todesurteil für die aufkeimende Beziehung. Wichtig ist jedoch, die Ursachen radikal ehrlich zu analysieren.

    • Technik vs. Biologie: Ein schlechter Kuss durch Nervosität oder falsche Technik lässt sich leicht beheben – fehlende biologische Grundanziehung (wie Geruch und generelle physische Abstoßung) jedoch fast nie.
    • Der Hollywood-Irrtum: Die Erwartung, dass es beim ersten Mal direkt „knallen“ muss, zerstört oft Verbindungen mit enormem Langzeit-Potenzial. Sexuelle Kompatibilität darf wachsen.
    • Das Ego-Protokoll: Niemand wird gerne in seiner Männlichkeit oder Weiblichkeit kritisiert. Wer seinen Partner im Bett „anleiten“ will, muss dies zwingend über positives Verstärken (Lob) tun, niemals über Nörgelei.
    • Die 3-Date-Regel für den Körper: Gib der körperlichen Intimität mindestens drei Anläufe, bevor du wegen fehlender Chemie hinwirfst – oft blockiert purer Stress beim ersten Mal die Freisetzung von Bindungshormonen.

    Mit diesen Kerngedanken im Hinterkopf tauchen wir nun tief in die Mechanik und Psychologie der körperlichen Anziehung ein. Lass uns herausfinden, ob euer holpriger Start reparierbar ist.

    Das „Traumpartner-Paradoxon“: Warum es auf dem Papier passt, aber beim Küssen kriselt

    Es ist ein Phänomen, das viele Singles, die auf einer Partnerbörse für ernste Beziehungen suchen, an den Rand der Verzweiflung treibt. Du hast jemanden gefunden, mit dem du nächtelang reden kannst. Ihr teilt die gleichen Werte und fühlt euch emotional unfassbar sicher miteinander. Diese tiefe Sympathie sorgt dafür, dass du astronomisch hohe Erwartungen an den ersten intimen Moment aufbaust. Schließlich muss der Sex oder der Kuss grandios sein, wenn alles andere so absolut perfekt passt, oder?

    Die Psychologie nennt dieses Phänomen den „Halo-Effekt“ (Heiligenschein-Effekt). Dabei schließen wir von einer positiven Eigenschaft einer Person unbewusst auf alle anderen Eigenschaften. Wenn er oder sie unglaublich empathisch und charmant ist, geht unser Gehirn automatisch davon aus, dass diese Person auch ein Gott oder eine Göttin im Bett sein muss.[1] Doch leider funktioniert unsere Sexualität nicht wie eine logische Excel-Tabelle, bei der man Eigenschaften einfach addieren kann.

    Emotionale Sicherheit und wildes sexuelles Verlangen entspringen teilweise völlig unterschiedlichen Systemen in unserem Gehirn.[2] Oft ist es gerade diese tiefe, fast schon freundschaftliche Harmonie, die beim ersten physischen Kontakt den Druck so massiv erhöht, dass beide Parteien innerlich verkrampfen. Man will es zu sehr. Man will diesen wundervollen Menschen nicht enttäuschen und vor allem nichts kaputt machen. Und genau dieser massive Leistungsdruck ist pures Gift für die Libido und die körperliche Lockerheit.

    Vom Hollywood-Märchen zur Realität

    Gerade romantische Komödien aus Hollywood haben uns hier eine ordentliche Gehirnwäsche verpasst. Sie vermitteln uns völlig falsche Bilder von sofortiger, brennender Leidenschaft, bei der beim ersten Lippenkontakt direkt Geigen im Hintergrund spielen und der strömende Regen einsetzt. In der Realität ist der erste Kuss zweier Menschen, die noch nie intim miteinander waren, oft schlichtweg ein Navigieren durch unbekanntes Terrain. Es ist höchste Zeit, mit diesen toxischen Erwartungshaltungen aufzuräumen und einen verbreiteten Irrglauben zu entkräften.

    Mythos

    Wenn die Chemie beim allerersten Kuss nicht von null auf hundert stimmt und kein echtes, spürbares Feuerwerk zündet, ist aus euch höchstens noch eine platonische Freundschaft machbar. Der Zug für wahre Leidenschaft ist dann endgültig abgefahren.

    Fakt

    Sogenannte Slow-Burn-Beziehungen bauen körperliche Anziehung oft erst durch emotionale Sicherheit und Vertrauen nach und nach auf. In der Praxis zeigt sich oft, dass viele langfristige Paare berichten, der allererste Kuss sei eher unbeholfen, steif oder seltsam gewesen, als magisch.

    Diese Erkenntnis nimmt glücklicherweise enorm viel Druck aus der Situation. Doch wie unterscheiden wir nun zwischen „Das wird noch“ und „Das hat absolut keinen Sinn“?

    Die Biologie der Anziehung: Technik-Fehler oder fehlende Pheromone?

    Wenn der erste körperliche Annäherungsversuch ein Reinfall war, musst du knallhart differenzieren. Du stehst an einer evolutionären Weggabelung: Ist es nur eine Frage der Technik oder eine tieferliegende Frage der Genetik? Ein schlechter Kuss kann viele Gesichter haben. Vielleicht stießen eure Nasen immer wieder zusammen, vielleicht war viel zu viel Zunge im Spiel, oder das Timing beim Atmen war eine reine, krampfhafte Katastrophe.

    Solche mechanischen Holprigkeiten sind in dem Moment nervig und ein echter Stimmungskiller, aber Gott sei Dank relativ leicht zu reparieren. Sie entstehen meist aus purem Stress, Übermotivation oder schlichtweg dadurch, dass der Partner in seinen bisherigen Beziehungen einen völlig anderen Kuss-Stil gewohnt war. Jeder Mensch bringt seinen eigenen „Dialekt“ in die körperliche Sprache mit.

    Ganz anders verhält es sich jedoch, wenn dein Körper beim Kontakt mit der anderen Person instinktiv auf Rückzug schaltet. Es geht nicht um die Bewegung der Lippen, sondern um die Präsenz des anderen. Wenn du den natürlichen Eigengeruch des anderen – abseits von Parfum oder Duschgel – nicht magst, sein Geschmack im Mund dich latent abstößt oder du dich einfach völlig unwohl und beklommen in seiner engen physischen Nähe fühlst, läuten die biologischen Alarmglocken.

    Die Wissenschaft hat längst bewiesen, dass ein Kuss tief in unserem Unterbewusstsein viel mehr ist, als nur ein reiner, romantischer Austausch von Zärtlichkeiten. Es ist ein faszinierender, hochkomplexer biologischer Überprüfungsmechanismus.[3]

    Evolutionär betrachtet fungiert Küssen als unbewusster Speichel- und Geruchstest. Man geht davon aus, dass der Körper dabei instinktiv feine Nuancen verarbeitet, die auf biologische Kompatibilität hindeuten. Stimmt die Chemie nicht, bleibt die tiefe körperliche Anziehung oft aus. Es entsteht das unterbewusste, manchmal fast abstoßende Gefühl, man würde ein Familienmitglied küssen. Diese fundamentale biologische Inkompatibilität lässt sich durch noch so viel Sympathie kaum wegtrainieren. Ist der natürliche Hautgeruch jedoch angenehm und lediglich die handwerkliche Technik plump, stehen die Chancen auf wachsendes Verlangen hervorragend. — Erkenntnisse zur olfaktorischen Wahrnehmung und Biologie

    Wenn dieser evolutionäre Check also bestanden ist (ihr könnt euch sprichwörtlich „gut riechen“), können wir uns den handwerklichen Fehlern widmen, die oft den Einstieg ruinieren.

    Die 3 häufigsten Kuss-Fehler (und wie du sie unauffällig korrigierst)

    Um dir praktische Dating-Tipps an die Hand zu geben, schauen wir uns die drei klassischen Stereotypen von „schlechten Küssern“ an, die einem beim Daten immer wieder begegnen. Wenn du weißt, mit welchem Typ du es zu tun hast, lässt sich die Situation oft mit minimalen, unauffälligen Gesten retten, ohne dass du den Moment durch scharfe Worte ruinierst.

    • Die Waschmaschine (Zu viel Zunge): Dieser Partner geht sofort auf’s Ganze. Der Mund ist weit geöffnet, die Zunge kreist wild und tief, und das Ganze fühlt sich eher nach einem zahnärztlichen Eingriff als nach Zärtlichkeit an. Die unauffällige Lösung: Schließe deine Lippen bewusst etwas mehr und biete weniger „Eingriffsfläche“. Zieh dich für eine Sekunde lächelnd zurück, beiß ihm/ihr sanft auf die Unterlippe und starte den Kuss neu – diesmal gibst du ganz sanft mit geschlosseneren Lippen das Tempo vor.
    • Der Specht (Zu hart, zu stürmisch): Hier gibt es keine fließenden Bewegungen. Die Küssen prasseln hart, kurz und fast schon aggressiv auf dich ein, die Zähne klacken aneinander. Oft ein Resultat extremer Nervosität. Die unauffällige Lösung: Nimm das Gesicht deines Partners in beide Hände. Allein diese Geste verlangsamt die Bewegung. Streichle sanft die Wangen, schau ihm/ihr tief in die Augen und starte einen sehr langsamen, butterweichen Kuss.
    • Der tote Fisch (Zu passiv): Du hast das Gefühl, gegen eine Wand zu küssen. Es kommt null Gegendruck, die Lippen des anderen sind schlaff, die Zunge bewegt sich nicht. Das raubt jegliche Leidenschaft. Die unauffällige Lösung: Wechsle die Taktik. Hör auf, normal zu küssen und beginne stattdessen, kleine, neckische Küsse auf die Mundwinkel, den Kiefer oder den Hals zu geben. Ein sanftes Saugen an der Unterlippe provoziert oft einen natürlichen, aktiveren Reflex beim Gegenüber.

    „Kann ich ihn/sie anlernen?“ – Die harte Wahrheit über sexuelle Kompatibilität

    Kommen wir zur Kernfrage, die sich stellt, wenn die Biologie passt, aber die Ausführung hapert: Ist Sexualität formbar? Die ehrliche, psychologisch fundierte Antwort lautet: Ja, absolut. Wir betrachten Sex und Küssen oft fälschlicherweise als eine angeborene Gabe, die man entweder hat oder eben nicht. Wir erwarten, dass jemand als kompletter Meister vom Himmel fällt.

    Dabei ist körperliche Intimität viel eher wie eine gemeinsame, fremde Sprache, die zwei Menschen erst zusammen fließend sprechen lernen müssen. Was der Ex-Partner deines Dates vielleicht abgöttisch geliebt hat, kann für dich völlig abtörnend sein. Ihr müsst euch erst aufeinander einstimmen.

    Du kannst einem Menschen beibringen, sanfter zu küssen. Du kannst jemanden anleiten, welche bestimmten Berührungen dich in den Wahnsinn treiben, ob du es härter oder weicher magst und welche Zonen er bei dir besser vorerst ausspart. Was du jedoch niemals anlernen kannst, ist grundlegende Empathie im Bett, die Bereitschaft zuzuhören und – wie bereits erwähnt – die biologische Basis-Anziehungskraft.

    Um dir die Entscheidung leichter zu machen, ob ein ungeschliffener Rohdiamant vor dir liegt, der nur etwas Feinschliff braucht, oder ob du gerade vergeblich versuchst, ein totes Pferd zu reiten, haben wir die klassischen Signale in klare Kategorien eingeteilt.

    Green Flags (Es lohnt sich)

    • Der Partner wirkt körperlich angespannt und extrem nervös, weil er dich spürbar unbedingt beeindrucken will (das führt oft zu steifen, übermotivierten Küssen).
    • Er/Sie reagiert sofort positiv, aufmerksam und sogar erleichtert, wenn du nonverbal sanft die Führung übernimmst oder das Tempo drosselst.
    • Der Eigengeruch der Person ist für dich sehr anziehend und du kuschelst gerne nah bei ihm/ihr, nur die konkrete Ausführung der Intimität hakt noch.
    • Er/Sie fragt nach dem Kuss oder während der Nähe aufrichtig nach: „Gefällt dir das so?“ oder „Ist das okay?“.

    Red Flags (Lass es lieber)

    • Der Partner geht extrem egoistisch vor, drückt deinen Kopf in Positionen, die du nicht magst, und ignoriert deine sanften körperlichen Abwehrsignale (wie Wegdrücken) völlig.
    • Er/Sie reagiert beleidigt, abweisend, gekränkt oder sogar aggressiv, wenn du extrem vorsichtig andeutest, dass du es lieber etwas anders magst.
    • Du erträgst den natürlichen Hautgeruch (ohne Parfum oder Deo) der Person schlichtweg nicht, es stößt dich fast ein wenig ab.
    • Es fehlt jegliches Nachspüren: Der Partner spult sein „Standard-Programm“ emotionslos wie eine Maschine ab, ohne auf deine Reaktionen zu achten.

    Schlechter Kuss oder miese Technik, was nun? So sprichst du es an, ohne das Ego zu zerstören

    Die Entscheidung steht: Du willst es versuchen. Die biologische Basis (Geruch, Sympathie) passt, der Charakter ist ein absoluter Traum, jetzt geht es „nur“ noch ans intime Feintuning. Doch Vorsicht: Hier lauert das wohl größte Minenfeld im Dating überhaupt. Wir Menschen, egal ob Männer oder Frauen, verknüpfen unseren Selbstwert extrem stark mit unserer sexuellen Performance und Attraktivität.

    Ein plumper Satz wie „Du küsst echt schlecht, mach das mal anders“ oder „Im Bett war das heute nichts“ ist keine constructive Kritik, sondern eine emotionale Kriegserklärung. Diese Ego-Fragilität führt dazu, dass der Partner sich sofort angegriffen fühlt.

    Kritik im Bett führt zu Scham. Scham führt zu massiver Verspannung und Kopfkino. Und Verspannung ist das garantierte, unwiderrufliche Ende jeder Leidenschaft. Wenn du möchtest, dass dein Gegenüber etwas an seinem Verhalten verändert, darfst du niemals tadeln oder auf Defizite hinweisen. Du musst loben, lenken und spielerisch einladen.

    Damit du diese heikle Mission erfolgreich meisterst, gibt es ein psychologisch bewährtes Vorgehen, das die Stolpersteine der Kommunikation elegant umschifft und das Ego deines Partners beschützt.

    1

    Der liebevolle Reset

    Nimm das Tempo komplett raus, ohne dabei Abweisung zu signalisieren. Wenn der Kuss zu wild, nass oder hart wird, zieh dich nicht ruckartig mit einem genervten Seufzen zurück. Umarme die Person stattdessen liebevoll, streichle ihr sanft über das Gesicht, sieh ihr in die Augen und sag mit leiser, entspannter Stimme: „Lass uns ganz, ganz langsam machen. Ich genieße den Moment gerade so.“

    2

    Führen durch Vormachen (Mirroring)

    Küss deinen Partner exakt so, wie du selbst geküsst werden möchtest. Wir Menschen neigen im Affekt automatisch zum psychologischen „Spiegeln“ (Mirroring).[4] Werde selbst ganz bewusst weicher und zärtlicher, wenn er oder sie zu hart agiert. Dein Rhythmus wird zur nonverbalen Vorgabe, auf die sich ein empathischer Partner automatisch einschwingen wird.

    3

    Das Ego-freundliche Sandwich-Feedback

    Nutze beim Küssen oder im Bett ausschließlich positive Verstärkung. Anstatt zu nörgeln: „Mach bitte nicht so viel mit der Zunge, das ist eklig“, formulierst du es als begehrlichen Wunsch: „Ich liebe es total, wenn du meine Lippen nur ganz sanft berührst, mach genau das bitte nochmal.“ Belohne gutes Verhalten sofort mit Enthusiasmus, Seufzen oder engerem Heranziehen.

    4

    Geduld ohne sofortigen Druck

    Reduziere beim nächsten Date ganz bewusst den Erwartungsdruck. Macht Dinge, die Körperkontakt fordern, ohne sofort hochgradig sexuell zu sein (z.B. eng nebeneinander auf der Couch kuscheln, bei einem Spaziergang Händchen halten oder sich massieren). Das baut Cortisol (Stresshormone) ab, schüttet Oxytocin aus und lässt die Intimität natürlich und unverkrampft wachsen.[5]

    Wenn du diese Schritte befolgst, wird dein Date gar nicht bemerken, dass es gerade „umgeschult“ wird. Es fühlt sich für die andere Person vielmehr so an, als würdet ihr gemeinsam eure ganz persönliche Vorliebe entdecken. Das schweißt zusammen, statt zu trennen.

    Der Sprung ins Bett: Wenn nicht nur der Kuss, sondern der Sex holpert

    Bisher haben wir primär über den ersten Kuss gesprochen, da er die erste große Hürde darstellt. Doch was passiert, wenn der Kuss fantastisch war, ihr den nächsten Schritt wagt und der erste Sex sich als unbeholfenes Desaster entpuppt? Auch hier gilt: Ruhe bewahren!

    Der erste Sex mit einem neuen, wundervollen Partner ist extrem anfällig für Störfaktoren. Performance-Angst (die Angst, nicht gut genug zu sein), die Sorge um den eigenen Körper („Sieht mein Bauch in diesem Licht gut aus?“) und die bloße Aufregung führen oft dazu, dass Männer mit Erektionsproblemen oder vorzeitigem Höhepunkt kämpfen und Frauen Schwierigkeiten haben, feucht zu werden oder sich überhaupt fallen zu lassen.

    Bewerte den ersten Sex niemals als endgültigen Maßstab für eure sexuelle Zukunft. Die erste Nacht ist meistens eine reine „Navigationsphase“. Man stößt im Dunkeln buchstäblich aneinander, kennt die sensiblen Zonen des anderen noch nicht und ist viel zu fokussiert auf das eigene Auftreten. Wirklich grandioser, atemberaubender Sex entsteht fast immer erst, wenn absolutes Vertrauen herrscht und beide wissen: „Ich muss hier nichts beweisen, ich werde so akzeptiert, wie ich bin.“ Genau dann fällt die Anspannung ab und die echte Leidenschaft übernimmt das Steuer.

    Lohnt sich der Aufwand? Der Check für deine eigenen Gefühle

    Es gibt in der Psychologie das spannende Konzept der „Sunk Cost Fallacy“ (die Versunkenen-Kosten-Falle). Das beschreibt die menschliche Tendenz, krampfhaft an Dingen festzuhalten, in die wir bereits viel Zeit, Hoffnung und Emotionen investiert haben.[6] Wenn du jemanden wochenlang datest, dessen Charakter einfach himmlisch ist und ihr stundenlang schreibt, wehrt sich dein Gehirn mit Händen und Füßen dagegen, diese wertvolle „Investition“ wegen schlechten Küssens oder holprigem Sex aufzugeben.

    Doch du darfst dich dabei selbst und deine eigenen körperlichen Bedürfnisse nicht vergessen. Ein langfristiges „Projekt“ aus einem anderen Menschen zu machen, kostet enorme Energie. Du musst die Geduld aufbringen, temporär den einfühlsamen Lehrer zu spielen und Rückschläge hinnehmen. Wenn dich das tief im Inneren bereits jetzt völlig abturnt, du eigentlich jemand Dominantes suchst, der genau weiß, was er tut, oder du dich regelrecht zwingen musst, intim zu werden, ist es fair – dir und dem anderen gegenüber – einen sauberen Schlussstrich zu ziehen.

    Beantworte die folgenden tiefgründigen Fragen schonungslos ehrlich für dich selbst, um Klarheit in dein Gefühlschaos zu bringen und zu erkennen, ob der gemeinsame Weg hier weitergeht oder endet.

    Soll ich bleiben oder gehen? Die 5-Punkte Checkliste

    Wenn du mehr als 3 dieser Fragen mit einem klaren „Ja“ beantworten kannst, solltest du der Sache definitiv noch eine ehrliche Chance geben.

    Am Ende des Tages bleibt eine wichtige Erkenntnis: Die moderne Partnersuche ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Ein miserabler erster Kuss oder eine unbeholfene erste Nacht bedeuten nicht, dass eure gemeinsame Reise hier zwangsläufig enden muss. Wenn der Charakter überragend ist, die fundamentale biologische Basis (Geruch, Sympathie) da ist und ihr beide bereit seid, empathisch aufeinander einzugehen, kann sich aus anfänglicher Unbeholfenheit die allertiefste Leidenschaft entwickeln. Wahre Intimität ist oft das Ergebnis von Vertrauen, nicht von perfekter Technik beim ersten Date. Gib dir und deinem Gegenüber die Zeit, eure gemeinsame Sprache zu finden. Das ist fair für beide Seiten, finden wir.

    Wie lange sollte ich warten, ob die Chemie noch entsteht?

    Experten und Paartherapeuten raten zur „Drei-Dates-Regel“ für körperliche Intimität. Wenn sich der Kuss oder Sex nach dem dritten ehrlichen Versuch immer noch grundlegend falsch, abstoßend oder extrem unangenehm anfühlt und sich keinerlei Besserung zeigt, wird sich die grundlegende Chemie meist nicht mehr einstellen. Dann greift oft die biologische Inkompatibilität. In diesem Fall ist es besser, einen Schlussstrich zu ziehen und ehrlich zu sich selbst zu sein.

    Ist ein schlechter Kuss ein todsicheres Zeichen für schlechten Sex?

    Nein, definitiv nicht zwingend. Ein erster Kuss ist oft mit deutlich mehr anfänglicher Nervosität und Scham behaftet, da er die heikle, oft abrupte Brücke von reiner Freundschaft zu plötzlicher Intimität schlägt. Man steht voll bekleidet voreinander. Manche Menschen sind lausige, steife Küsser, blühen aber völlig auf und werden extrem leidenschaftlich, sobald diese erste Hürde genommen ist, die Kleidung fällt und tiefere, ungestörte körperliche Nähe entsteht.

    Kann ich einfach ehrlich sagen: „Du küsst schlecht“?

    Auf gar keinen Fall, wenn dir etwas an der Person liegt. Direkte, schonungslose Kritik an der sexuellen Performance löst bei fast allen Menschen starke Scham, Kränkung und eine sofortige, trotzige Abwehrhaltung aus. Dadurch verspannt sich der Partner beim nächsten Mal noch viel mehr, die Blockade wird größer. Setze stattdessen immer auf „Mikro-Anpassungen“ durch positives Lob, indem du das bestärkst, was dir gefällt („Das fühlt sich unglaublich gut an, mehr davon“).

    Studien & Quellen

    1. Nisbett, R. E. & Wilson, T. D., 1977: „The Halo Effect: Evidence for Unconscious Alteration of Judgments“ Quelle ansehen →
    2. Seshadri, K. G., 2016: „The neuroendocrinology of love“ Quelle ansehen →
    3. Gallup, G. G. & Frederick, D. A., 2010: „The Science of Sex Appeal: An Evolutionary Perspective“ Quelle ansehen →
    4. van Baaren, R. et al., 2009: „Where is the love? The social aspects of mimicry“ Quelle ansehen →
    5. Schneider, E. et al., 2023: „Affectionate touch and diurnal oxytocin levels: An ecological momentary assessment study“ (Korrelation nachgewiesen, Kausalität nicht abschließend geklärt) Quelle ansehen →
    6. Arkes, H. & Blumer, C., 1985: „The Psychology of Sunk Cost“ (Allgemeine Grundlagenstudie zur Sunk Cost Fallacy) Quelle ansehen →

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