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Polyamorie: So geht die Liebe zu dritt oder mehr

Wer sagt, dass romantische Liebe eine Angelegenheit zwischen nicht mehr als zwei Personen ist? In diesem Beitrag verraten wir mit der Hilfe eines anerkannten Experten, wie die Liebe mit mehr als einer Person geht.

Inhaltsverzeichnis

Alternative Beziehungsmodelle sind im Trend. Auch sogenannte polyamoröse Beziehungen werden häufiger oder in der Gesellschaft zumindest sichtbarer – aber was hat es eigentlich auf sich, polyamor zu leben? Was sind typische Konfliktpunkte und Herausforderungen – und ist es überhaupt möglich, mehr als eine:n Partner:in zu lieben?

Um diese und weitere, zentrale Fragen zur Polyamorie zu beantworten, haben wir uns mit Sozialwissenschaftler an der Universität Wien, Dr. Stefan Ossmann, alliiert. Seit über 10 Jahren forscht er zu nicht-monogamen Beziehungsformen und hat in seiner Forschung zahlreiche polyamore Menschen zu deren Erfahrungen und Alltag befragt. Wenn jemand die Antworten hat, dann also er.

Versuchen wir zunächst, einzugrenzen, was es heißt, polyamor zu leben:

Was heißt es, polyamor zu leben?

Der Begriff „Polyamorie“ setzt sich aus dem griechischen „poly“ („mehr“) und dem lateinischen „amor“ („Liebe“) zusammen, in kurz also „Mehr-Liebe“, und beschreibt eine alternative Beziehungsform, für die sich immer mehr Menschen interessieren.

„Eine einheitliche und von allen anerkannte wissenschaftliche Definition gibt es nicht,“ so Stefan Ossmann zu DatingXperten, „sondern, die Definitionen unterscheiden sich alle ein bisschen. Eine recht umfassende, dafür aber vollständige Definition lautet: Eine konsensuale Beziehung zwischen mehr als zwei Personen, basierend auf emotionaler Liebe und intimen Praktiken über einen längeren Zeitraum hinweg.“

„Polyamorie ist eine konsensuale Beziehung zwischen mehr als zwei Personen, basierend auf emotionaler Liebe und intimen Praktiken über einen längeren Zeitraum hinweg.“
– Dr. Stefan Ossman

Eine polyamore Beziehung ist dementsprechend eine Liebesbeziehung zwischen mehr als zwei Personen. Anzahl und Geschlecht spielen dabei keine Rolle, ebenso wie es in einer polyamoren Beziehung grundsätzlich keine Hierarchien gibt. Alle Partner:innen sind dagegen gleichgestellt, wissen voneinander und lieben sich auch untereinander.

In Abgrenzung zu einer offenen Beziehung steht auch nicht der körperliche Aspekt an erster Stelle, sondern vielmehr die tiefe, emotionale Bindung und gegenseitige Unterstützung – wie in monogamen Beziehungen auch. Angestrebt wird keine zweitweilige oder unverbindliche Vereinbarung, wie es bei Freundschaft Plus oder einer Situationship oft der Fall ist, sondern eine langfristige, liebevolle Beziehung. Ob alle Personen aber unter demselben Dach wohnen oder die Liebesbeziehungen separat führen, ist individuell.

Offenheit, Selbstreflexion und eine gute Kommunikation sind Grundvoraussetzungen für jede gesunde Beziehung, vielleicht aber vor allem für polyamore Beziehungen, damit sich Konflikte und Eifersucht nicht anhäufen. Ebenfalls braucht eine polyamore Beziehungen Stefan Ossmann zufolge wegen der Personenzahl oft mehr Organisation, funktioniert aber im Endeffekt wie eine monogame Partnerschaft: „Faktoren wie Alter, Geschlecht, Kinder, Wohnort, Einkommen und natürlich die Anzahl der Partner:innen bestimmen die Strukturen der Beziehung,“ sagt er zu DatingXperten.

Nicht zu verwechseln mit Polygamie

Während Polyamorie die Liebe zwischen mehr (gleichgestellten) Partner:innen beschreibt und dabei das Gefühlsaspekt („Mehr-Liebe“) betont, setzt sich das ähnlich klingende Wort „Polygamie“ aus dem griechischen „poly“, zu Deutsch „viel“, und „gamos“, zu Deutsch „Ehe“, zusammen und bezeichnet damit die formelle Eheschließung mit mehr als einer Person. Ob dabei Liebe im Spiel ist, sei zunächst dahingestellt.

Die beiden Wörter lassen sich also leicht verwechseln, bezeichnen aber zwei völlig unterschiedliche Beziehungskonstellationen; denn im Gegensatz zur Polygamie, die in manchen Kulturkreisen seit Jahrhunderten als traditionelles Beziehungsmodell gelebt wird, hat in einer polyamoren Beziehung nicht nur der Mann die Möglichkeit, verschiedene Partnerschaften einzugehen, sondern auch die Frau.

In Deutschland ist Polygamie im Übrigen nicht erlaubt.

…oder einer offenen Beziehung

Kennzeichnend für eine offene Beziehung ist vor allem, dass es eine Hauptbeziehung gibt: zwei Menschen, die sich lieben und eine Partnerschaft führen, ihre Beziehung für andere aber sexuell öffnen möchten, um gemeinsam oder getrennt neue, sexuelle Erfahrungen zu machen. Während alle Partner:innen einer polyamoren Beziehung sich untereinander lieben, ist in einer offenen Beziehung die Liebe dem Hauptpaar vorbehalten. Sex außerhalb dieser Beziehung ist eine reine körperliche Sache.

Des Weiteren involviert eine offene Beziehung oft viele, wechselnde Sexpartner, während eine polyamore Beziehung in der Regel aus derselben Personengruppe besteht.

Konfliktpunkte und Herausforderungen

Konflikte kommen in polyamorösen Beziehungen grundsätzlich nicht häufiger und nicht weniger vor als in monogamen Beziehungen, betont Stefan Ossmann, müssen aber – je nach Struktur der Beziehung – oft mit mehr Personen verhandelt werden. „Auch hier hat die Wohnsituation einen wesentlichen Einfluss,“ sagt er und fährt fort:

„Wenn man als Beziehung zu dritt oder zu viert zusammenwohnt, ist Eifersucht oder Zeit, die man mit nur einer Person verbringt, oft weniger Thema wie eine unaufgeräumte Küche oder ein schmutziges Bad, das geputzt werden will. Wenn die involvierten Personen getrennt leben, dann ist Aufmerksamkeit, also die gemeinsam verbrachte Zeit, der größte Konfliktherd. Der Tag hat nur 24 Stunden und wenn man davon Schlaf, Arbeit, Körperpflege, Hobbies und Lebensmitteleinkauf abzieht, bleiben nicht mehr so viele Stunden. Und diese wenigen Stunden müssen dann noch mit mehr Personen geteilt werden.“

Im Gegensatz dazu, was man vielleicht denken sollte, (voreingenommen wie wir sind) ist Eifersucht also kein größeres Thema als in monogamen Beziehungen. Ossmann betont aber, dass offene und ehrliche Kommunikation aufgrund der Personenzahl eine Grundvoraussetzung für das Gelingen einer polyamoren Beziehungen sei. Ansonsten gelte wie bei anderen Konstellationen auch: Ausprobieren ob es funktioniere.

Treue in polyamoren Beziehungen

Dazu gefragt, wie Treue in polyamoren Beziehungen definiert wird, fragt Stefan Ossmann rhetorisch, wie Treue in einer monogamen Beziehung definiert werde und beantwortet die Frage im nächsten Atemzug selbst:

„Das wird (idealerweise) vom monogamen Paar am Anfang einer Beziehung festgelegt. Ähnlich ist es in polyamorösen Beziehungen, wo individuell festgelegt wird, was Treue bedeutet.“

Eher als das Wort „Treue“ verwenden viele polyamor lebende Menschen aber ein anderes Wort, meint Ossman: „In poly-Beziehungen kommt das Wort ‚Regeln‘ häufiger vor als das Wort ‚Treue‘. Eine häufige Regel ist: Kein ungeschützter Geschlechtsverkehr mit Personen außerhalb der Kernbeziehung.“

Kann man mehr als einen Menschen lieben?

Kan man überhaupt mehr als einen Menschen lieben? Über diese Frage spalten sich die Meinungen. Während sich einige nur schwer vorstellen können, zwei Partner:innen gleichermaßen zu lieben, sind andere davon überzeugt, dass es biologisch gesehen möglich ist. Zumindest wird uns in anderen Konstellationen wie zum Beispiel der Familie zugetraut, dass wir mehr Personen (unsere Eltern, Geschwister, Kinder) gleich fest lieben können; eine Tatsache, auf die Stefan Ossmann ebenfalls aufmerksam macht:

„Kann ein Vater oder eine Mutter mehr als ein Kind lieben? Natürlich kann man; im Unterschied zu Familienstrukturen wird es dann allerdings aufwendiger, weil die Gesellschaft rundherum zwar auf mehr Kinder, nicht aber auf mehr Partner*innen ausgelegt ist.“

Auch Eifersucht darf Stefan Ossmann zufolge diesbezüglich vorkommen. Wichtig sei nur, einen Weg zu finden, wie man damit umgehe.

Zwar gelten polyamoröse Beziehungen heutzutage eher als liberal und progressiv und wie Ossmann auch pointiert, ist unsere moderne Gesellschaft nicht darauf ausgelegt; tatsächlich aber ist Polyamorie tief in unserer Natur verwurzelt. Wie viele anthropologische Studien zeigen, lebten nur etwa 20 bis 50 % der menschlichen Gesellschaften ursprünglich monogam. In dieser Hinsicht ist es natürlich interessant, zu fragen, ob polyamoröse Beziehungen (wieder) häufiger werden:

Werden polyamore Beziehungen häufiger?

„Generell werden unsere Beziehungen ausdifferenzierter, ähnlich wie sexuelle Orientierungen und Geschlechteridentitäten,“ sagt Stefan Ossmann und weist darauf hin, dass die goldene Zeit der Ehe schon längst vorbei sei bzw. dass es durch den gesellschaftlichen Rechtsruck einen Backlash hin zu konservativen Beziehungswerten gegeben habe. 

Was konkret polyamoröse Beziehungen angeht, gibt es leider keine verlässlichen Zahlen, die uns ein Indiz geben könnten, ob sie häufiger werden. „Das wurde weltweit nie erhoben, sondern immer nur geschätzt; entsprechend wissen wir auch nicht, ob es mehr geworden sind. Fakt ist, dass Medien mehr darüber berichten, und sich als Konsequenz dessen mehr Personen an die Öffentlichkeit trauen, die in polyamorösen Beziehungen leben,“ sagt Stefan Ossman zu DatingXperten.

Neugierig geworden?

Möchtest du mehr wissen? Dr. Stefan Ossmann forscht seit über 10 Jahren zu Polyamorie und weiteren nicht-monogamen Beziehungsformen, sexuelle Orientierungen und Identität(en) und gibt in seinem neu erschienenen Buch (Feb. 2025) Antworten auf die 10 großen Fragen der Polyamorie. Mehr Infos dazu auf https://stefanossmann.at/

Dr. Stefan Ossmann

Weitere Quellen

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